Pilotprozess gegen Kindes-Entführer in der Schweiz

Kindesentführungen haben für die Opfer katastrophale Folgen, trotzdem haben die Täter hierzulande nicht mehr als symbolische Warnstrafen zu befürchten. Der Fall von Elias und Jonas könnte die Wende bringen. Der Entführer der Knaben steht nächste Woche in Winterthur vor Gericht.  Von Alex Baur

Der 22. August 2010 ist ein Datum, dass  ]anine Schoch nie vergessen wird. An jenem Sonntag verlor die heute dreissigjährige Mutter ihre Söhne Jonas (4) und Elias (6), wahrscheinlich für immer.

«Allah sagt: Diejenigen die nicht an mich glauben werde ich im jugends Tage in die holle schiken», stand auf einem Zettel geschrieben, den sie anstelle der beiden Knaben zu Hause vorfand. Es war die Schrift von Issam 0., dem Vater der Knaben. Heimlich hatte er diese nach Tunesien entführt, in ein Land, das den Buben fremd war, und dort den Grosseltern übergeben, die sie kaum kannten.

Fast eineinhalb Jahre später befinden sich Elias und  Jonas immer noch in Gewahrsam ihrer Grosseltern in Jendouba, einer Kleinstadt 160 Kilometer südwestlich von Tunis. Ihr Vater aber sitzt seit über einem halben Jahr im Zürcher Flughafengefangnis. Aufgrund eines internationalen Haftbefehls wurde er im Herbst 2OlO in Marokko verhaftet und im Frühling 2011 an die Schweiz ausgeliefert. Nächste Woche wird sich Issam O. vor dem Bezirksgericht in Winterthur wegen Entführung und Erpressung zu verantworten haben. Nach Angaben des Geschädigtenanwalts Bruno Steiner steht eine langjährige Freiheitsstrafe zur Debatte. Er werde auch fordern, dass der Entführer darüber hinaus erst freikommt, wenn die Kinder wieder bei der Mutter sind.

Das sind völlig· neue Töne. Bislang hatten Kindesentführer in der Schweiz höchstens mit einer Verurteilung wegen Entziehung von Unmündigen zu rechnen. Der Tatbestand sieht zwar theoretisch eine Strafe von bis zu drei Jahren Gefängnis vor. In der Praxis wurde aber kaum je ein Täter zu einer unbedingten Strafe verurteilt. Und selbst wenn sich der Entführer um die Verurteilung foutiert und die Kinder nicht herausrückt, was in der Regel der Fall ist, hat das keine Folgen. Uneinsichtige betrunkene Automobilisten werden im Wiederholungsfall bedeutend härter angefasst.

Im Herbst 2010 etwa stand Abbas E. vor dem Bezirksgericht Dietikon. Der eingebürgerte Teppichhändler aus dem Iran hatte, bevor er sich von seiner Frau trennte, die gemeinsame zweijährige Tochter mit einer List nach Persien entführt und bei seinen Eltern deponiert. Die Mutter wird ihr Kind kaum je wiedersehen. Sie kann nicht in den Iran reisen. wo ihr als Ehebrecherin schwere Strafen drohen. Der Verteidiger von Abbas E. plädierte auf Freispruch. Schliesslich habe die iranische Justiz das entführte Kind dem Vater zugesprochen. Die Richter in Dietikon stellten fest, dass ein «Dauerdelikt» von «erheblicher Schwere» vorliege. «Die Geschädigte hat ihr Kind de facta verloren, beziehungsweise es besteht keine normale Mutter-Kind-Beziehung mehr», ist in der Urteilsbegründung zu lesen. Das Mädchen habe, so heisst es weiter, «seine wichtigste Bezugsperson verloren, und es erscheint wahrscheinlich, dass dies negative Folgen auf seine psychische Gesundheit haben wird». Den Richtern erschien dafür eine Strafe von zehn Monaten Gefängnis bedingt und 5000 Franken Schmerzensgeld für die Mutter angemessen. Der Begriff Strafe ist im Fall von Abbas E., der gerade mal zwei Tage in U-Haft sass, allerdings schon fast zynisch: Weil er von der Sozialhilfe lebt, kann er nicht belangt werden; sieht man von zwei Tagen Untersuchungshaft ab, hatte das Verfahren für ihn keinerlei Konsequenzen.

Im Fall Issam O. wurde die Spezialabteilung IV (Kapitalverbrechen) der Staatsanwaltschaft Zürich eingeschaltet. Die Anklage lautet auf mehrfache qualifizierte Freiheitsberaubung und Entführung, Entziehung von Unmündigen, versuchte Erpressung und Drohung. Mit dieser rechtlichen Qualifikation betreten die Strafverfolger rechtliches Neuland. Unter Juristen ist umstritten, ob man die eigenen Kinder überhaupt entführen kann. Bei einer Verurteilung drohen Issam Q. bis zu siebeneinhalb Jahren Gefängnis. Zudem muss der inhaftierte Entführer nach einer Verurteilung damit rechnen, dass sogleich ein weiteres Strafverfahren eröffnet wird, wenn er sich der Rückführung der Kinder zur Mutter widersetzt.

Entführungen wie jene von Elias und Jonas sind keine Seltenheit. Jedes Jahr werden etwa vierzig Kinder von einem Elternteil aus der Schweiz ins Ausland entführt, meistens vor dem Hintergrund einer Trennung. Viele Fälle lassen sich gütlich oder aufgrund des sogenannten Haager Abkommens auf dem Weg der internationalen Rechtshilfe regeln. Fatal wird es, wenn Kleinkinder von ihrem Vater in ein islamisches Land verschleppt · werden. Denn nach islamischer Rechtsauffassung bestimmt der Vater auch nach einer Trennung allein über die Familie. Die Mütter sehen ihre Kleinen in der Regel erst wieder, wenn sie erwachsen sind.

Der Fall von Jonas und Elias eignet sich insofern für einen Pilotprozess, als er alle Merkmale einer Entführung enthält. Issam O. hatte die Verschleppung seiner Kinder von langer Hand geplant (Weltwoche Nr. 47/ 2010).  Obwohl Janine Schoch die Geburtsurkunden ihrer Söhne gesperrt hatte, gelang es ihm bereits im Januar 2009 unter nebulösen Umständen auf dem tunesischen Konsulat in Bern heimlich Reisepässe für Jonas und Elias zu beschaffen. Nachdem er sich drei Monate später von seiner Frau getrennt hatte, drohte er ihr unter vier Augen mit der Entführung der Kinder. Gegenüber den Behörden gab er sich jedoch geradezu devot. Erfolglos lief Janine Schoch von Pontius zu Pilatus, um die sich abzeichnende Entführung zu verhindern. Die Justiz und die Vormundschaftsbehörde in Frauenfeld stellten sich schützend vor den Tunesier und stellten die Mutter als islamophobe Hysterikerin hin.

Als die beiden 2003 geheiratet hatten, gab sich Issam O. modern und weltlich. Erst nach der Geburt der Kinder wandte er sich einem Islam zu, der bald fanatische Züge trug. Zuerst verlangte er von den Kindern und danach auch von seiner Frau, dass sie sich seinem Regime unterwarfen, was schliesslich zur Trennung führte. Doch danach ging der Terror erst recht los. So wies er die Kinder an, zu spucken, wenn sie ein (Schweizer) Kreuz sahen oder Kirchenglocken hörten. Auch verbot er ihnen jeden Kontakt mit den Grosseltern Schoch.

170000 Franken Lösegeld

Vordergründig spielten weltanschauliche Gründe bei der Entführung eine zentrale Rolle. «Ein Rechtssystem, das die Ehe von Schwulen zulässt, hat für mich keine Gültigkeit», erklärte Issam O. einmal. Doch als die beiden Buben in Tunesien waren, forderte er Janine Schach schriftlich und ultimativ (<<mein erstes und letztes Angebot») auf, ihm insgesamt 170000 Franken zu überweisen. Wenn sie ihm diesen Betrag zur Verfügung stelle, dürfe sie, überwacht von den Grosseltern, mit ihren Buben in Jendouba zusammenleben. Ansonsten würde er mit Jonas und Elias in Libyen untertauchen. Im Falle einer versuchten Rückentführung würde er die Kinder erschiessen.

Geldforderungen sind bei derartigen Kindesentführungen nicht aussergewöhnlich. Dies zeigen auch andere Fälle, über die in diesem Blatt schon berichtet wurde. In ärmeren Ländern sind Kinder Alters-, Invaliden- und Krankenversicherung in einem. Sie lernen von klein auf, dass sie dereinst für ihren Clan zu sorgen haben. Kinder mit einem Schweizer Pass sind besonders wertvoll. Sobald sie volljährig sind, schickt man sie in ihre alte Heimat zurück, wo sie, auch als ungelernte Hilfskräfte oder Füsorgebezüger, der Familie ein Mehrfaches von dem überweisen können, was sie in Nordafrika verdienen würden.

Das  Aussendepartement (EDA) rät in solchen Fällen, mit den Entführern zu verhandeln.

Wie der Fall von Jonas und Elias zeigt, sitzen die Väter und ihre Sippschaften allerdings am längeren Hebel. Sie haben keinen Anlass, auch nur ein Jota von ihren Maximalforderungen abzurücken. Für sie ist es ohnehin gottgegeben, dass sich die Frau dem Kommando des Mannes unterwirft. Kommt dazu, dass die Angehörigen von Issam O. genau wissen, dass sie die Knaben nie mehr sehen werden, wenn diese in die Schweiz zurückkehren. Dem Tunesier war es von Anfang an klar, dass er sich mit der Entführung die Möglichkeit selber verbaute, weiter in der Schweiz zu leben.

Wie soll eine Mutter auf eine derartige Erpressung reagieren? Geht sie auf die Forderungen ein, kann sie das Leid vielleicht mildern. Allerdings ist jede erfolgreiche Entführung eine Einladung für Nachahmer. In Kolumbien, wo Entführungen epidemische Ausmasse angenommen haben, war das Bezahlen von Lösegeld bis vor kurzem unter Strafandrohung verboten. Das Gesetz wurde gelockert, weil verzweifelte Angehörige meist trotzdem zahlten. Doch im Prinzip ist das Lösegeldverbot konsequent: Wenn sich keiner erpressen lässt, gibt es auch keine Erpressungen mehr.

Die offizielle Schweiz reagiert in der Regel höchstens passiv auf Kindesentführungen in muslimische Länder. Faktisch werden die Entführungsopfer nicht mehr als Schweizer Bürger behandelt. Damit soll verhindert werden, dass die Familien der Erpresser aus dem Status der Kinder auch noch Profit schlagen. Issam O. dürfte allerdings der erste Kindesentführer sein, der aus einem islamischen Land ausgeliefert wurde. Möglich war dies nur, weil er nach Marokko reiste und weil Marokko neben der Türkei als einziges muslimisches Land das Haager Abkommen ratifiziert hat. Janine Schoch kämpft seit nunmehr über eineinhalb Jahren mit allen juristischen Mitteln um die Heimkehr ihrer beiden Buben. Nach Jendouba zu ziehen und sich dem Diktat des Entführers zu unterwerfen, war nie eine Option für sie. Wie sie von tunesischen Freunden erfahren habe, soll Issam O. in Tunesien einen Haftbefehl gegen sie erwirkt haben. Indirekt räumte er diesen Schachzug in der Strafuntersuchung auch ein. Erst nach langwierigen Verhandlungen konnte die verzweifelte Mutter im letzten Sommer für ein paar Tage nach Tunesien reisen. Die bei den kleinen Buben konnten sich kaum noch mit ihrer Mutter verständigen, sie sprechen nur noch arabisch. Der einzige Trost, der ihr noch bleibt: Auch wenn eine langjährige Freiheitsstrafe für Issam O. den Kindern wenig hilft, soll sie künftigen Entführern als Abschreckung dienen.

Quelle: Weltwoche Nr.2/12