Vater verschleppt seine Kinder – zehn Jahre Haft

MANNHEIM (dpa). Weil er seine drei Kinder gegen den Willen seiner Ex-Frau in Tunesien festhält, muss ein 34-Jähriger für zehn Jahre ins Gefängnis. Das Mannheimer Landgericht verurteilte den Tunesier unter anderem wegen Entziehung Minderjähriger, Nötigung, Freiheitsberaubung und Vergewaltigung seiner Ex-Frau, wie ein Sprecher mitteilte. Nach einer Urlaubsreise mit seiner Familie 2008 hatte sich der Vater geweigert, mit den Kindern nach Deutschland zurückzukehren. Durch massive Misshandlungen der Frau hatte der 34-Jährige sie laut Anklage 2009 in Tunesien gezwungen, auf das Sorgerecht für die gemeinsamen Kinder zu verzichten. Diese leben weiterhin gegen den Willen ihrer Mutter in Tunesien. Sie selbst ist nach Deutschland zurückgekehrt. Der Mann war im April 2011 in Paris festgenommen worden.

Quelle: dpa

 

Landgericht: Strafkammer spricht Mohamed K. schuldig / 34-Jähriger hat Frau und Kinder in Tunesien festgehalten

In der Gewalt des Ehemanns

Von  Barbara Klauß

Als Martyrium bezeichnet der Vorsitzende Richter Rolf Glenz das, was eine heute 28 Jahre alte Frau zwischen Sommer 2008 und Sommer 2009 erlebte: Ihr damaliger Ehemann Mohamed K. hat sie auf dem abgelegenen Anwesen seiner Familie in Süd-Tunesien festgehalten, geschlagen und vergewaltigt. Die drei gemeinsamen Kinder leben bis heute dort. Seit Monaten durfte die Mutter nicht einmal mit ihnen telefonieren.

Von all dem ist die vierte Strafkammer des Mannheimer Landgerichts überzeugt und verurteilt den 34-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren – wegen Entziehung Minderjähriger, gefährlicher Körperverletzung, Nötigung, Freiheitsberaubung, zweifacher Vergewaltigung und Betrugs. Möglich wurde diese Verurteilung, weil Mohamed K. 2011 in Paris verhaftetet und nach Deutschland ausgeliefert wurde.

Begonnen hatte diese Geschichte für die junge Frau, die im Prozess als Nebenklägerin auftritt, im August 2008 mit einer ganz gewöhnlichen Urlaubsreise. Doch in Tunesien angekommen, erklärte Mohamed K. ihr plötzlich, dass sie nicht nach Deutschland zurückkehren würden. So sieht es die Kammer.

Eine Zeit lang versuchte die junge Frau wohl, sich in ihr neues Leben zu fügen – ein Leben, in dem sie ständig überwacht wurde. Schließlich versuchte sie zu entkommen. Nach einem Fluchtversuch schlug und trat der Angeklagte nach Überzeugung der Richter gemeinsam mit seinem Bruder auf sie ein. Mehrere Zeugen haben die blauen Flecken gesehen.

Die Nebenklägerin suchte sich – ohne ihre Kinder – eine neue Unterkunft und reichte die Scheidung ein. Sie habe versucht, ihr Recht vor einem tunesischen Gericht durchzusetzen, erklärt der Vorsitzende Richter. In einer vorläufigen Entscheidung wurde ihr das Sorgerecht für den jüngsten Sohn zugesprochen, der nicht einmal ein Jahr alt war.

„Im Vertrauen darauf, dass ihr Mann diese Entscheidung des tunesischen Gerichts akzeptieren müsse, fuhr sie zu ihm“, sagt Glenz. Sie wollte den Kleinen holen. Doch es kam anders, auch da ist sich die Kammer sicher: Mohamed K. sperrte seine Frau ein, demütigte und vergewaltigte sie. Er habe sie so lange misshandelt, bis sie ein Dokument unterschrieb, in dem sie auf das Sorgerecht für alle drei Kinder verzichtete, meint der Vorsitzende. Dann brachte er sie zum Flughafen. Alleine flog sie nach Deutschland.

„Uneingeschränkt glaubhaft“

In all dem folgt die Kammer der Darstellung der Nebenklägerin, hält sie für uneingeschränkt glaubhaft. Andrea König-Biebelheimer, die Verteidigerin von Mohamed K., der die Taten bis zuletzt bestreitet, kann das nicht nachvollziehen. „Das Urteil ist ein Skandal“, sagt sie und kündigt Revision an.

An sich, erklärt die Rechtsanwältin, sei diese Geschichte nichts anderes als ein Sorgerechtsstreit. Und der ist noch lange nicht zu Ende: Noch läuft ein Sorgerechtsverfahren in Deutschland. Hier, meinen Prozessbeteiligte, habe die Mutter bessere Chancen, sollte dieses Urteil rechtskräftig werden. Dennoch ist fraglich, ob die sie ihre Kinder wiedersehen wird. Dafür müssten auch die tunesischen Behörden mitspielen. „Die Kinder sind ihr voraussichtlich für lange Zeit entzogen“, meint der Vorsitzende.

Quelle: morgenweb.de

Landgericht: Plädoyers im Prozess gegen Mohamed K. / 34-Jähriger soll Frau und Kinder in Tunesien festgehalten haben

Staatsanwältin fordert elf Jahre Haft

Hat die junge Frau mit ihren drei kleinen Kindern ein Jahr lang freiwillig in Tunesien gelebt? Oder wurde sie von ihrem damaligen Ehemann Mohamed K. dort festgehalten, gar geschlagen und vergewaltigt? Diese Frage stellt sich derzeit der vierten Strafkammer des Mannheimer Landgerichts. Hier muss sich Mohamed K., 34 Jahre, wegen Freiheitsberaubung, Vergewaltigung und anderen Delikten verantworten.

Aussage steht gegen Aussage.

Die geschiedene Frau des Angeklagten, die als Nebenklägerin auftritt, beschuldigt ihn schwer. Es sind vor allem ihre Angaben, auf die sich die Staatsanwältin gestern in ihrem Plädoyer stützt. Ohne das Wissen seiner Frau habe Mohamed K. demnach beschlossen, Deutschland zu verlassen, um mit ihr und den drei Kindern im Alter zwischen eineinhalb und sechs Jahren in seiner Heimat Tunesien zu leben. Während eines Urlaubs im August 2008 habe er ihnen eröffnet, dass sie nicht zurückkehren würden. Sie hätten auf einem abgelegenen Hof bei der Familie des Angeklagten gelebt. Die Nebenklägerin, knapp 30 Jahre alt, habe sich nicht frei bewegen dürfen, sagt die Staatsanwältin, sei überwacht worden. Im Frühsommer 2009 versuchte sie demnach, mit den Kindern zu fliehen. Doch die Flucht scheiterte. Zur Strafe, sagt die Staatsanwältin, habe Mohamed K. gemeinsam mit seinem Bruder eineinhalb Stunden auf die Frau eingeschlagen und eingetreten. Zeugen haben ihre Wunden gesehen. Mit diesen Wunden allerdings, so Verteidigerin Andrea König-Biebelheimer, habe ihr Mandant nichts zu tun.

Später habe K. seine Frau etwa zehn Tage eingesperrt, sie geschlagen und zwei Mal vergewaltigt, sagt die Staatsanwältin weiter. Im August 2009 habe sie schließlich nach Deutschland fliegen dürfen. Ohne Kinder. Die leben bis heute bei der Familie des Angeklagten in Tunesien, während er hier in Untersuchungshaft sitzt. Seit Monaten hatte die Nebenklägerin angeblich keinen Kontakt zu ihnen. Die Ehe ist inzwischen geschieden. Doch das Sorgerechtsverfahren läuft noch. Hier sieht Verteidigerin König-Biebelheimer das Motiv dafür, dass die Nebenklägerin ihren Mandanten beschuldigt: „Entscheidend für die Nebenklägerin ist, ihn für möglichst lange Zeit hinter Gitter zu bringen, damit sie die Kinder bekommt.“ Weder die Misshandlungen noch die Vergewaltigungen habe es gegeben.

Auch dass die Nebenklägerin nichts von der Auswanderung gewusst habe, glaubt die Verteidigerin nicht. Man habe sich mit einem vollbepackten Transporter auf den Weg gemacht, sie selbst habe die beiden Kleinen vom Kindergarten abgemeldet. „Das sind Indizien dafür, dass die Angaben der Nebenklägerin nicht glaubhaft sind“, findet die Anwältin und beantragt, Mohamed K. von den schwerwiegenden Vorwürfen freizusprechen.

Anders die Staatsanwältin: Sie plädiert auf eine Freiheitsstrafe von elf Jahren. Das Gericht verkündet heute um 11 Uhr das Urteil.

 

Quelle: Morgenweb.de

 

Die ganze Vorgeschichte zur Kindesentführung nach Tunesien

Ihr Ex-Mann hält Fatih (8), Namika (6) und Mustafa (3) in Tunesien fest

 

BITTE, GIB MIR MEINE KINDER ZURÜCK!

„Ich hätte mich niemals in diesen Mann verlieben dürfen“, sagt Doreen*. Seit 17 Monaten hat die Thüringerin ihre Söhne und ihre Tochter nicht mehr gesehen, nicht mehr gehört, nicht mehr im Arm gehalten.

Hier erzählt sie von ihrer Ehe-Hölle  und vom verzweifelten Kampf um ihre Kinder

Am Anfang ist es eine Liebesgeschichte.

Im Januar 2001 verbringt Musikstudentin Doreen, 28 Jahre jung, ihren Urlaub in Tunesien. Der vier Jahre jüngere Hotelfotograf Ali fällt ihr sofort auf. Sie kommen ins Gespräch, er macht ihr Komplimente, sie verliebt sich. Es wird mehr daraus. Ali folgt der Deutschen nach Thüringen. Nur sieben Monate nach dem Kennenlernen heiraten sie standesamtlich. Doreen ist im siebten Himmel: „Ich habe nichts kommen sehen.“ Ali arbeitet in seiner neuen Heimat zunächst weiter als Fotograf, später als Reifenmonteur. Im Mai 2002 kommt Sohn Fatih zur Welt, zwei Jahre später Töchterchen Namika. 2006 erhält Ali die deutscheStaatsbürgerschaft. Die Familie zieht nach Süddeutschland um.

„Und plötzlich begann Ali, sich total zu verwandeln“, erzählt Doreen. „Er ging jeden Tag in die Moschee. Hatte auf einmal keine Lust mehr Steuern zu zahlen – er kündigte seinen Job.“ Nun lebt die Familie von Hartz IV. „Ali war nicht mehr der Mann, den ich geheiratet habe.“ Er selbst bestreitet heute, eine radikale religiöse oder extremistische Auffassung gehabt zu haben. Doreen aber beteuert: „Er brachte sogar fanatische Hasspredigten mit in unser Zuhause.“ Als sie ihm droht, ihn zu verlassen, verspricht er, sich zu ändern. „Immer wieder sagte er, er wolle mich auf keinen Fall verlieren.“ Doreen gibt nach. „Er ist der Vater meiner Kinder. Ich wollte ihm glauben.“ Im Dezember 2007 bringt sie sein drittes Kind, Sohn Mustafa, zur Welt.

„Ich sollte zum Islam konvertieren“

Dann der Sommer-Urlaub 2008 in Tunesien. „Ohne jede Vorwarnung erklärte mir Ali, dass ich zum Islam übertreten soll. Und dass er unsere Kinder hier großziehen will.“ Ali stellt die Geschichte anders dar, sagt, Doreen selbst habe in Tunesien leben wollen. „Für mich begann die Ehe-Hölle“, erzählt Doreen mit leiser Stimme. Das Paar wohnt mit den Kindern in einem Ferienhäuschen im Süden Tunesiens. Mit Eltern oder Freunden darf Doreen nur noch telefonieren, wenn Ali daneben steht. „Auch Besuch aus der Heimat durfte nicht kommen. Meine Kinder sollten nur mit muslimischen Kindern spielen. Ali ist aber weiter regelmäßig nach Deutschland geflogen. Er hat Amtstermine eingehalten, um weiter monatliche Sozialleistungen zu beziehen.“ Doreen darf das Grundstück nicht mehr verlassen, wird von Alis Eltern und seinem Bruder bewacht.

Trotzdem gelingt ihr im Juni 2009 die Flucht in die deutsche Botschaft in Tunis, die ihren Kindern Pässe ausstellen soll. Die Rückflüge nach Deutschland sind bereits von einer Freundin gebucht. Doreen: „Aber im Konsulat mussten wir fünf Stunden warten, darum haben wir unseren Flug verpasst. Und als die Botschaft schloss, mussten wir wieder gehen.“

„Sie prügelten und bedrohten mich“

Die inzwischen benachrichtigte Polizei bringt Doreen und die Kinder zurück zu Ali. Noch einmal kann sie kurz darauf fliehen, wird aber wieder gefasst. „Mein Mann und sein Bruder verprügelten mich, bis ich ihm das Sorgerecht für die Kinder überschrieb.“ Dann werfen die Männer Doreen aus dem Haus. Sie geht zur Polizei, die sie wegschickt. Rettungsanker: ihre Mutter Elke (61), die nach Tunesien geflogen ist. „Doreen war abgemagert“, sagt die Mutter. „Sie hatte blaue Flecken, blutete an den Händen, konnte kaum laufen.“ Eine Woche später kehrt Elke nach Deutschland zurück – ohne Doreen. Warum? „Ich konnte doch meine Kinder nicht zurücklassen!“, sagt die junge Frau. Sie beantragt die Scheidung, lebt in Hotels, die ihr ihre Eltern bezahlen. Doreen: „Ali bekam Angst, die Kinder könnten mir zugesprochen werden. Er passte mich an einer Bushaltestelle ab. Wieder wurde ich ins Haus eingesperrt, geschlagen. Zehn Tage später wollten sie mich dann loswerden. Unter Androhung von noch mehr Gewalt haben Ali und ein befreundeter Polizist mich in eine Maschine nach Deutschland gesetzt.“ Ali streitet im Nachhinein alle gewalttätigen Übergriffe ab, unterstellt Doreen ein Verhältnis zu einem anderen Mann. Nach fast einem Jahr Ehe-Hölle landet Doreen Ende August 2009 schließlich auf dem Frankfurter Flughafen. Völlig verzweifelt. Ohne ihre Kinder, das Wichtigste und Wertvollste in ihrem Leben. Ihre Mutter Elke holt sie ab: „Ich war zu Tode erschrocken, als ich meine Tochter so sah.“ Aber Doreen kämpft. Um ihre beiden Jungs, ihr Mädchen. „Ich vermisse sie so sehr, dass es mich fast zerreißt.“ In Deutschland erhält Doreen das vorläufige Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Kinder. Sie lässt sich juristisch beraten, versucht, die tunesische Scheidungsprozedur über einen Anwalt zu stoppen: „Ich wollte mich wegen der Rechtssicherheit lieber in Deutschland scheiden lassen.“ Doch ohne ihr Wissen wird die Ehetrennung in Tunesien weiter vorangetrieben. „Mit einem Anwalt, den ich nicht kenne – der mich aber vor Gericht offenbar vertreten hat. Außerdem haben sie mich als verrückt hingestellt: Laut Attest eines in Deutschland praktizierenden arabischen Arztes sei ich psychisch krank, würde meine Kinder vernachlässigen.“ Für Doreen die größte Demütigung: „Ich bin eine gute Mutter! Ich liebe meine Kinder über alles.“ Auch das Jugendamt Mannheim beschreibt Doreen in einem Bericht als verantwortungsbewusste Mutter, die stets liebevoll mit ihren Kindern umgegangen sei.

„Ich lasse meine Kinder niemals im Stich“

Im Januar 2010 werden Doreen und Ali von einem tunesischen Amtsgericht geschieden. Das Sorgerecht für die Kinder erhält der Vater. Das Thüringer Oberlandesgericht, das den Fall prüft, erkennt das tunesische Scheidungsurteil an – nicht jedoch die Sorgerechtsregelung! Die muss extra verhandelt werden. Konkret heißt das: Der Fall hängt in der Luft. Doreen weiß nicht, wann und ob sie ihre Kinder wiedersehen wird.

Aufgeben wird sie niemals. „Ich lasse meine Kinder nicht im Stich. Ich hab das Bundeskanzleramt und das Auswärtige Amt um Hilfe gebeten.“ Bisher vergeblich.

 

Quelle: BILD der Frau