Die Entführung von Elias und Jonas Schoch. 8 Jahre Haft und 30.000 CHF Strafe für Kindesentführer Issam O.

Keine Gnade für Entführer

Erstmals wurde mit Issam O. in Winterthur ein Kindesentführer aus dem arabischen Raum zu einer langjährigen Freiheitsstrafe verurteilt. In Anbetracht des Leids, das der Tunesier seinen Opfern zugefügt hat, sind acht Jahre Gefängnis keine besonders harte Strafe.

So hat man früher Vergewaltiger verteidigt: Schuld ist eigentlich das Opfer, weil etwa sein Rock zu kurz war oder weil es sich nachts allein auf die Strasse wagte. Eine Frau, die derart provoziert, so wurde noch vor wenigen Jahrzehnten ohne Hemmung vor den Gerichten argumentiert, die müsse sich nicht wundern, wenn ein Mann die Beherrschung verliere. Bei Vergewaltigern zieht diese Tour schon lange nicht mehr. Und bei Kindesentführern, so ist nach dem Urteil des Bezirksgerichts Winterthur gegen Issam O. wenigstens zu hoffen, in Zukunft auch nicht mehr.

Das Gericht verurteilte letzte Woche den 34-jährigen Issam O. wegen qualifizierter Entführung und Erpressung zu acht Jahren Gefängnis.

Im August 2010 hatte der Tunesier seine Söhne Elias, 6, und Jonas, 4, heimlich nach Nordafrika verschleppt und dort bei seinen Eltern deponiert. Die beiden Kinder sind mit dem Winterthurer Urteil nicht gerettet. Sie sitzen weiterhin als Gefangene ihres Clans in Tunesien fest. Die Gefahr ist gross, dass die Kleinen ohne Eltern aufwachsen werden. Doch die Schweizer Justiz, die Kindesentführer bis dahin mit Samthandschuhen anfasste, hat ein Zeichen gesetzt. Nachahmer seien gewarnt.

 

Klammheimlich Pässe beschafft

Das Opfer zur Täterin machen diese Strategie lag von allem Anfang an wie ein Leitmotiv über dem Fall. Die Vormundschaftsbehörden in Frauenfeld, die Thurgauer Justiz, die Anwälte von lssam O. fielen auf die Masche herein.

Als sich Janine Schoch im Frühling 2009 von ihm trennte, war es nach offizieller Lesart nicht der muslimische Gatte, der sich Zorn religiösen Fanatiker entwickelt hatte, nein, es war seine evangelische Frau. Nach der Trennung ging es weiter nach demselben Muster.

Nicht Issam O. hatte die beiden Kinder systematisch gegen sämtliche Schweizer Angehörigen aufgehetzt, nein, der Tunesier war das Opfer eines angeblich fremdenfeindlichen und islamophoben Schweizer Clans. Und weil es bis dahin so gut funktioniert hatte, hielt Issam 0., sekundiert von seinem Verteidiger Rolf Zwahlen, im Gerichtsverfahren an dieser Sichtweise fest.

Als der Entführer etwa im Januar 2009 klammheimlich tunesische Pässe für Jonas und Elias beschaffte, war eigentlich seine Frau Janine schuld, wie er in einer Einvernahme erklärte: Sie habe halt die Geburtsscheine der Kinder nicht gut genug versteckt. Da musste er einfach zugreifen.

Zwar lief Janine Schoch erfolglos bei den Behörden Sturm, um vor der angekündigten Entführung zu warnen. Doch erst dadurch, so behauptet Verteidiger Zwahlen vor Gericht, habe sie den friedliebenden Issam O. auf die Idee gebracht, die Buben zu entführen. Eine Frau, so der Tenor der Verteidigung, die ihren Mann derart provoziert, darf sich nicht  wundern, wenn er die Beherrschung verliert. Issam O. stamme aus einer anderen Kultur, man müsse das verstehen und sich anpassen. Nach tunesischem Rechtsverständnis bestimmt der Mann nach einer Trennung allein über das Schicksal der Kinder. Zwar lebte das Paar nie in Tunesien. Zwar teilte die zuständige Thurgauer Justiz Elias und Jonas 2009 der Obhut der Mutter zu, wobei Issam O. ein grosszügiges Besuchsrecht bekam. Die Vereinbarung, die er mit seiner Unterschrift anerkannte, ist rechtskräftig. Doch nach der Entführung liess sich der Vater vor einem tunesischen Gericht klammheimlich die Obhut zuteilen. Damit ist nach Zwahlens Logik alles wieder im Lot, wurde das Schweizer Urteil zu Makulatur. Andere Länder, andere Sitten.

Die Gerichtsakten, die der Weltwoche vorliegen, zeigen ein anderes Bild. Es finden sich Mails, in denen Janine Schach ihren Nochgatten anfleht, an das wohl der Kinder zu denken und diese bei den Besuchen nicht mehr gegen ihre Schweizer Familie und das Christentum aufzuhetzen. Issam O. hatte den Kleinen beigebracht, auf (Schweizer) Kreuze und gegen Kirchtürme zu spucken.

Der Tunesier hatte die Entführung gegenüber seiner Exfrau angekündigt. Doch die Behörden glaubten der Mutter nicht, obwohl lssam O. ihre Befürchtungen in einer Polizeieinvernahme durch Mehrdeutige Aussagen indirekt bestätigte. Janine Schoch zog schliesslich mit den Kindern von Frauenfeld nach Winterthur, in die Nähe ihrer Eltern. Dort kam ein Jugendsekretär dem wahren Sachverhalt auf die Spur. Leider zu spät. Im August 2010 setzte Issam O. seine Entführungspläne um, die er von langer Hand vorbereitet hatte.

Ursprünglich war vereinbart~ dass die beiden Buben weder in die Moschee noch in die Kirche gehen und dereinst frei über ihren Glauben entscheiden sollten. Wie der Winterthurer Jugendsekretär Philip Meier im Zeugenstand bestätigte, foutierte sich Issam O. um die Vereinbarung, worauf man ihm erlaubte, die Buben in die Moschee mitzunehmen. Als die Kinder plötzlich alles Christliche und vor allem auch ihre Grosseltern aggressiv ablehnten, wurde eine Kinderpsychologin beigezogen. Die Fachfrau stellte fest, dass die Buben zwar ein inniges Verhältnis zu ihrem Vater hatten, dass dieser seine Söhne aber hinterrücks gegen die Familie Schach aufhetzte.

Das Bild des Manipulators, der seine wahren Absichten hinter einem aufgeklärten, charmanten und gegenüber Behörden geradezu «devoten» (Meier) Auftreten versteckt, wird durch die Aussagen seiner Arbeitskollegen bestätigt. Keiner von ihnen hätte lssam O. die Entführung zugetraut. Der religiöse Streit dürfte bloss ein vorgeschobenes Motiv gewesen sein. Ungleich wichtiger, so muss man aus seinen Schreiben schliessen, war sein verletzter Macho-Stolz. Obwohl Issam O. seIber diverse Frauenbeziehungen hatte, war er rasend eifersüchtig. Er wollte Janine Schoch bestrafen. Und schliesslich ging es um Geld.

Wenn Sie ihre Kinder wiedersehen wolle, so schrieb er ihr nach der Entführung aus Tunesien, müsse sie ihm 170000 Franken überweisen. Sonst tauche er mit den Buben nach Libyen ab.

Issam O. hatte nach der Trennung offenbar Angst, seine Aufenthaltsbewilligung und damit den Kontakt zu seinen Buben zu verlieren. Das wäre zweifellos hart gewesen, aber das war nie das Ziel von Janine Schoch. Issam O. weiss, dass Elias und Jonas in Tunesien schlechte Zukunftsaussichten haben, wie er vor Gericht einräumte. Es kümmert ihn nicht. Auch Väter leiden, wenn man sie von ihren Kindern trennt. Doch Jahrmillionen der Evolution lassen sich, aller Gleichstellung zum Trotz, nicht wegdekretieren. Für normale Mütter gibt es nichts Traumatischeres als den  Verlust ihrer Kinder. Wenn ein Kind stirbt, ist das ein Schicksalsschlag, den man irgendwann überwinden muss. Eine Entführung dagegen, so der Geschädigtenanwalt Bruno Steiner, ist «ein Dauerzustand ohne absehbares Ende», der mit den Jahren die Seele zerfrisst.

 

Entführungen in den arabischen Raum sind keine Seltenheit. Im Kern ist es immer dieselbe Geschichte. Ein Mann zeigt nach der Heirat und dem Erhalt der Aufenthaltsgenehmigung sein wahres Gesicht, es kommt zur Trennung; er rächt sich, indem er der Frau die Kinder wegnimmt und bei Verwandten in seiner Heimat versteckt; und irgendwann kommt die Erpressung. In der Regel sehen die Mütter ihre Kinder erst wieder, wenn sie entwurzelt, entfremdet und ohne nützliche Ausbildung als junge Erwachsene in die Schweiz geschickt werden, auf dass sie ihrem Clan möglichst viel Geld überweisen. Darum geht es letztendlich.

Meist finden die Tragödien unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Auch weil sich viele Opfer schämen. Es ist wie früher bei den Vergewaltigungen. «Selber schuld», hallt es den Müttern aus den Amtsstuben und Leserbriefspalten entgegen, sie hätten sich halt früher überlegen sollen, mit wem sie ins Bett gingen.

 

Diesen Spruch musste sich auch Marianne Stalder immer wieder anhören. Ihre Tochter Sherine wurde 1996 als Zweijährige von ihrem Vater Abdelhamid H. nach Tunesien entführt.

In jenem Fall verlangte der Entführer lediglich 35000 Franken Lösegeld. Anders als Janine Schoch zahlte Marianne Stalder damals. Sie bekam Sherine trotzdem erst zehn Jahre später zurück, als diese bereits ein Teenager war.

Der Entführer Abdelhamid H. dagegen kehrte sofort in die Schweiz zurück, nachdem er Sherine bei Angehörigen in Tunesien deponiert hatte. Er wurde verhaftet und am 27. März 1997 vom Bezirksgericht Zürich zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Das war nach bisheriger Gerichtspraxis ein übliches Strafmass bei derartigen Fällen. Da sich Abdelhamid H. nach dem Urteil schriftlich verpflichtete, seine Tochter aus Tunesien zurückzuholen und der Mutter zu übergeben, wurde auf eine Landesverweisung verzichtet. Doch kaum war der Mann aus der Haft entlassen, vergass er sein Versprechen und tauchte unter.

Ausreden, Intrigen, leere Versprechen Marianne Stalder ging zehn Jahre lang durch die Hölle. Das Wechselbad der Gefühle zwischen Hoffnung und Resignation trieb sie an den Rand des Wahnsinns. Immer wieder kamen Geldforderungen aus Tunesien, angeblich hatte Sherine gesundheitliche Probleme. Im Gegenzug durfte sie ihre Tochter, mit der sie sich sprachlich kaum verständigen konnte, jeweils ein paar Stundenlang sehen. In der Verzweiflung gaukelte sie dem Entführer ihrer Tochter schliesslich vor, sie hätte sich wieder in ihn verliebt. Dank dieser List gelang es Marianne Stalder, Sherine im Alter von knapp zwölf Jahren in die Schweiz zurückzuholen.

Nach Sherines Heimkehr begannen die Probleme erst recht. Das pubertierende Mädchen ließ sich in der Schweiz nur schwer eingliedern, die Beziehung zur Mutter musste mühsam erarbeitet werden. Sherine fällt es heute noch schwer, über ihre Kindheit zu sprechen, fühlt sie sich ihrer tunesischen Familie, die sie aufgezogen hat, doch ebenso verbunden wie ihrer Mutter. Immerhin kam sie in einem Alter in die Schweiz zurück, in dem sie ihre Muttersprache noch problemlos lernen konnte. Zurzeit absolviert sie eine Lehre als Malerin.

Es sei ihr alles so bekannt vorgekommen, meinte Marianne Stalder, als sie, bisweilen mit den Tränen ringend, den Prozess gegen Issam O. in Winterthur verfolgte. Die Ausreden, mit denen der Mann das Opfer zur Täterin machte, seine leeren Versprechen, seine Intrigen gegen die Schwiegereltern, die Verzweiflung, die kaltblütige Erpressung -alles schon da gewesen. Mit einem wesentlichen Unterschied: Issam O. muss für einige Jahre ins Gefängnis. Und wenn die Kinder nicht freikommen, ist fraglich, ob er nach acht Jahren aus der Haft entlassen wird.

Dabei ist die Strafe nicht einmal besonders hart, wenn man bedenkt, dass auf qualifizierte Entführung und Erpressung bis zu zwanzig Jahre Gefängnis stehen.

Quelle: weltwoche.ch

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