42-Jähriger aus Lauf und ein Privatdetektiv nahmen Zweijährige an sich.

Auf offener Straße soll ein 42-jähriger Laufer seiner getrennt lebenden Frau die gemeinsame zweijährige Tochter gewaltsam entrissen und sie mit sich genommen haben. Die Be­gründung: Die Mutter schlage das Kind und leide unter schweren De­pressionen. Vor dem Amtsgericht Hersbruck stellt sich heraus: Es ist alles viel komplizierter.

Vor einem Supermarkt in Morat, einem Ort im Schweizer Kanton Freiburg, sollen Norbert P. und ein befreundeter Privatdetektiv aus Fürth laut Staatsanwaltschaft im Januar 2013 zugeschlagen haben: Der 42-jährige Vater nahm seine Tochter aus dem Kinderwagen. Sei­ne Ehefrau versuchte, ihm das zwei Jahre alte Mädchen zu entreißen. Plötzlich ging der 28-jährige Kom­plize dazwischen, packte Norbert P. und dessen Tochter in sein Auto und fuhr mit quietschenden Reifen da­von. „Entziehung Minderjähriger“ lautet die Anklage.

„Das war alles ganz anders“, wi­dersprechen beide Männer vehe­ment, als sie vor Richter André Gläßl sitzen. Sie reden sich leicht: Die wichtigste Zeugin, die Frau des 42­jährigen Hauptangeklagten, ist nicht vor Gericht erschienen. Sie ha­be wegen ihres Mannes Angst davor, Deutschland zu betreten, lässt sie schriftlich von ihrem Verteidiger ausrichten. Die „Noch-Ehefrau“, ei­ne Marokkanerin, habe schwere psy­chische Probleme, erzählt Norbert P. Er sei aber – nicht wie in der An­klage geschildert mit dem Plan, die Tochter zu entführen – nur „zum Reden“ zu seiner Frau in die Schweiz gefahren.

 

Ein seltsames Ehe-Konstrukt

„Ich wollte nur ein Lebenszeichen von meiner Tochter“, so der 42-jäh­rige Vater. Seine Frau habe Geld da­für gefordert. Da sei er in die Schweiz gefahren, um sich selbst davon zu überzeugen, dass es dem Mädchen gut gehe. „Die Situation ist dann aber eskaliert“, erklärt er. Den Privatdetektiv habe er als Zeugen mitgenommen, schließlich habe ihm die Marokkanerin schon viel ange­hängt.

Es ist in der Tat keine schöne Ehe, die Norbert P. und seine Frau füh­ren: Getrennte Betten, Handgreif­lichkeiten von beiden Seiten und Geldforderungen der Frau bestim­men den Alltag, so schildert es Nor­bert P.s Anwalt, Ralf Kunder. Ken­nengelernt haben sich beide im In­ternet. 2009 heirateten die Marokka­nerin und der Laufer.

Angeblich soll die junge Frau vor allem auf einen deutschen Pass scharf gewesen sein, den sie bis heute nicht hat, weil sie zwischenzeitlich in die Schweiz um­gezogen ist. Parallel laufen ein Scheidungsverfahren und in der Schweiz ein Sorgerechtsstreit vor Gericht. Das Jugendamt hat die Tochter in einer Nacht-und Nebel-Aktion kurz nach dem Vorfall zu sich geholt.

 

Prozess muss umgelagert werden

„Die ganze Entführungs-Ge­schichte ist ein riesiges Lügenkons­trukt“, so Verteidiger Ralf Kunder. Seine Version sorgt allerdings auch für Aufregung: Wirtschaftsspione sollen hinter dem 42-jährigen Ange­klagten hergewesen sein. Salafisten – Bekannte der muslimischen Ehe­frau – sollen Norbert P., als er noch bei einem deutschen Nuklearunter­nehmen arbeitete, ausspioniert, Plä­ne geklaut und unter Druck gesetzt haben. Seitdem quälen ihn Selbst­mordgedanken und schwere Depres­sionen.

Richter André Gläßl kann ange­sichts der abstrusen Verwicklungen nur den Kopf schütteln. Oliver Fou­quet, der Anwalt des 28-jährigen Komplizen, fordert währenddessen unablässig den Freispruch seines Mandanten. „Ich bin zuerst ver­pflichtet, die Wahrheit herauszufin­den“, so Gläßl. Aber allen ist klar: Ohne die Aussage der Ehefrau ist das unmöglich, solange ist auch der 28-Jährige nicht entlastet.

Eine Nicht-EU-Bürgerin aus ei­nem Nicht-EU-Land zu einer Ge­richtsverhandlung zu „zwingen“, das stellt die Justiz vor ein Problem. Lange diskutieren Anwälte und Richter über die Möglichkeiten, die Frau anzuhören, zum Beispiel per Videoübertragung. Am Ende einigen sich die Beteiligten auf eine Anhö­rung in der Schweiz. Richter André Gläßl wird der Marokkanerin einen Besuch abstatten. Erst danach wird der Prozess am Hersbrucker Amts­gericht fortgesetzt.

Melanie Strauß – Hersbrucker Zeitung

 

Quelle: nordbayern.de