HKÜ Kindesrückführung nach Serbien

Der kleine Vuk soll nach Serbien zurück

Vuk liebt Autos und Zahlen. Der Dreieinhalbjährige geht mit Begeisterung in den Kindergarten St. Marien im Pfaffengrund und spielt hingebungsvoll im Wohnzimmer seiner Großeltern. Bald schon könnte der aufgeweckte Junge aber aus der Heidelberger Idylle gerissen werden. Das Amtsgericht Karlsruhe ordnete an, dass das Kind bis zum 1. Dezember nach Serbien gebracht werden muss.

Der Grund: Vuks Mutter, Lena Mlakar, soll ihn ohne Zustimmung seines Vaters nach Deutschland gebracht haben. Grundlage für diese Entscheidung ist das „Haager Übereinkommen über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung“ (siehe Hintergrund).

Die Geschichte beginnt mit einer Hochzeit: 2007 heiratete Lena Mlakar ihren serbischen Ehemann, den sie vier Jahre zuvor in Montenegro kennengelernt hatte. Lena Mlakar selbst hat auch serbische Wurzeln, ihr Vater kam vor 40 Jahren nach Deutschland. Das Paar wollte sich eine gemeinsame Zukunft in Belgrad aufbauen. Lena Mlakar brach dafür ihr Anglistik- und Germanistik-Studium in Mannheim ab, sie wollte in der serbischen Hauptstadt Sprachunterricht geben. Doch dann kam im März 2009 ihr Sohn Vuk auf die Welt.

 

Häusliche Gewalt

Die dreiköpfige Familie wohnte in Belgrad zusammen mit den Eltern von Vuks Vater unter einem Dach. Doch als sich die Fälle von häuslicher Gewalt häuften und der alkoholkranke Großvater den Dreijährigen nach den Aussagen von Lena Mlakar immer wieder in gefährliche Situationen brachte – er zog ihm zum Beispiel „aus Spaß“ Plastiktüten über den Kopf -, bekam die junge Mutter Angst. Am 9. März flüchtete sie zu ihrem Cousin und dessen Frau nach Nis, 250 Kilometer südlich von Belgrad.

„Vom Haager Übereinkommen hatte ich noch nie gehört“, erinnert sich die 29-Jährige: „Ich wusste aber, dass der Vater zustimmen muss, wenn ich Vuk mit nach Deutschland nehmen möchte.“ Gerade deshalb sei sie sehr bemüht gewesen, nichts falsch zu machen. In Nis stellte sie Strafanzeige wegen häuslicher Gewalt, sowohl gegen ihren Ehemann als auch gegen ihren Schwiegervater. Zugleich reichte sie die Scheidung ein. Auf allen Ämtern habe man ihr geraten, doch mit dem Kind nach Deutschland zu gehen.

Bevor sie dies in die Tat umsetzte, gab sie Vuks Vater aber telefonisch Bescheid. Seine Antwort: „Okay.“ Dies habe sie als Einverständnis gewertet, so Mlakar. Sonst hätte sie sich nie getraut, mit dem Kleinen nach Heidelberg zu ihren Eltern zu ziehen. Am 14. März, kurz vor Vuks drittem Geburtstag, kamen die beiden im Pfaffengrund an.

Dass ihr ein deutsches Gericht nur ein halbes Jahr später Ordnungshaft androht, wenn sie ihren Sohn nicht zurück nach Serbien bringt, und dass sie sogar das Sorgerecht ganz an den Vater verlieren könnte, wenn sie sich der Anordnung widersetzt, hätte Lena Mlakar nicht für möglich gehalten. Zwar wurde sie im Mai vom zuständigen Bundesamt für Justiz in Bonn darüber informiert, dass sich ihr Noch-Ehemann nach den Möglichkeiten eines Rückführungsantrags für Vuk erkundigt habe. Als er im September jedoch Ernst machte und einen entsprechenden Antrag beim zentral zuständigen Amtsgericht Karlsruhe einreichte, war sie verblüfft.

Trotzdem war sie auch noch nach der mündlichen Verhandlung am 18. Oktober siegesgewiss. Schließlich waren ihr Cousin und dessen Ehefrau eigens aus Serbien angereist, um als Zeugen auszusagen. Beide hatten das Telefonat mitgehört, in dem Vuks Vater sein „Okay“ für die Ausreise nach Deutschland gegeben hatte. Bei späteren Anrufen habe er nie die Herausgabe des Kindes gefordert.

Die Hiobsbotschaft kam am Dienstag per Fax. Michael Strumpen war entsetzt, als er den Beschluss des Amtsgerichts Karlsruhe durchlas. Der Anwalt vertritt Lena Mlakar im Rechtsstreit mit Vuks Vater. „Das erschüttert meinen Glauben an den deutschen Rechtsstaat“, sagt er. Dass die Mutter von häuslicher Gewalt berichtete, dass sowohl Vuk als auch Lena Mlakar nicht nur serbische, sondern auch deutsche Staatsangehörige sind – all dies spielte für die Entscheidung des Familiengerichts nur eine untergeordnete Rolle. Auch dass die beiden in Deutschland bei Lena Mlakars Eltern in geordneten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und dass Vuks Mutter ihr Studium wieder aufgenommen hat, interessierte die Richterin nicht. Stattdessen heißt es in dem Beschluss, dass das „Okay“ in dem strittigen Telefonat auch lediglich als Ausdruck der Kenntnisnahme hätte interpretiert werden können.

Strumpen ist sich sicher, dass der Vater unter „normalen Gesichtspunkten“ keinerlei Chance hätte, den Sorgerechtsstreit zu gewinnen. Lena Mlakars Noch-Ehemann arbeitet beim Paketlieferdienst DHL im Schichtbetrieb und hat daher keine Zeit für den Jungen. Auch Vuks Großmutter ist noch berufstätig und kann sich nicht um den Kleinen kümmern. Doch Lena Mlakar traut den serbischen Gerichten nicht. Deshalb will sie nicht mit dem Dreieinhalbjährigen zurück, um dort die Entscheidung abzuwarten. Zumal die Mühlen der Justiz dort sehr langsam mahlen: Obwohl die 29-Jährige schon im März die Scheidungspapiere einreichte, gibt es noch nicht einmal ein Aktenzeichen.

Binnen zwei Wochen kann Lena Mlakar nun beim Oberlandesgericht Karlsruhe Beschwerde einlegen. Rechtsanwalt Strumpen überlegt sich sogar, für Vuk einen Asylantrag zu stellen, wohl wissend, dass dieser abgelehnt würde, weil der Kleine die doppelte Staatsangehörigkeit besitzt. Aber dieser juristische Kniff könnte Mutter und Sohn wenigstens ein bisschen Zeit verschaffen, denn in den Wintermonaten dürfen keine Asylbewerber abgeschoben werden.

Zur Not, da ist sich Strumpen sicher, gehe seine Mandantin bis vor das Bundesverfassungsgericht und den Europäischen Gerichtshof. Zu Recht, meint auch das Heidelberger Kinder- und Jugendamt. Nachdem mehrere Experten Vuk beobachtet hatten, schrieben sie an das Amtsgericht Karlsruhe: „Die Rückkehr des Kindes ohne seine Mutter nach Serbien bringt das Kind nach unseren Beobachtungen und Einschätzungen in eine unzumutbare Lage.“

 

Quelle: Rhein-Neckar-Zeitung