Michel Jacot sucht seine Kinder

Wo seine Kinder sind, weiss Michel Jacot aus Röthenbach nicht, ebenso wenig, wie es ihnen geht. Seit Jahren kämpft der Vater dafür, dass er Sohn und Zwillingstöchter sehen kann. Doch einmal mehr ist seine Ex-Frau verschwunden.

Über 3 Jahre sind vergangen, seit Michel Jacot seine Kinder zum letzten Mal gesehen hat, und es war erst noch ein Zusammentreffen der unschönen Art. Schon zum zweiten Mal hatte seine Ex-Frau damals, im Sommer 2008, den Kontakt zu ihm vollständig abgebrochen. Er aber wollte den gemeinsamen Sohn und die gemeinsamen Zwillingstöchter unbedingt auch in Zukunft sehen können. Und weil sie weder Telefonanrufe annahm noch auf SMS-Botschaften reagierte, stieg er kurzerhand ins Auto und fuhr zum Haus, in dem er noch kurz zuvor zusammen mit seiner Familie selber gewohnt hatte.

Dort eskalierte die Situation definitiv. Nach wie vor verwehrte ihm die Ex-Frau den Kontakt zu seinen Kindern, und so gingen rund ums Haus ein paar Sachen zu Bruch. Er habe aus lauter Schmerz darüber, dass er die Kinder nicht habe sehen können, so gehandelt, wird er später den Behörden den Ausraster erklären.

Klares Gerichtsurteil

Wie wichtig ihm die drei sind, anerkannte knapp 2 Jahre später auch ein Gericht im Südtirol. Dorthin hatte sich die Ex-Frau nämlich in der Zwischenzeit abgesetzt, und das Urteil wies sie nun unmissverständlich an, Besuche des Vaters in vorerst begleiteter Form wieder zuzulassen. Trotz des Vorfalls im Sommer 2008 – die Mutter sei auch anzuweisen, die Kinder darauf vorzubereiten oder zumindest die nötigen Vorbereitungsarbeiten zuzulassen.

Heute, wieder gut ein Jahr später, wartet Michel Jacot daheim in Röthenbach immer noch auf ein Wiedersehen mit seinen Kindern, die mittlerweile 13 und 7 Jahre alt sind. Denn wieder ist der Kontakt vollständig abgebrochen, denn wieder ist die Ex-Frau wie vom Erdboden verschluckt – dabei hatte er doch so gehofft, die drei früher oder später sogar mit nach Hause nehmen zu dürfen. Für sie hat er eigens eine grosszügige Wohnung mit viel Umschwung gemietet. Gemeinsam mit seiner neuen Partnerin lebt er etwas ausserhalb des Dorfes in einem umgebauten Bauernhaus.

Dauerndes Auf und Ab

Mal Kontakt, mal Streit, mal wieder kein Kontakt – die Geschichte zwischen Michel Jacot und seiner Ex-Frau ist geprägt von diesem dauernden Auf und Ab. Kennen gelernt haben sich die beiden 1997, nur wenige Monate später war sie schwanger, im Jahr darauf folgte die Heirat, und schon kam der Sohn zur Welt. Der Kleine war ein Wunschkind, dennoch fing es zwischen den beiden bald zu kriseln an. Obs an den gesundheitlichen Problemen lag, von denen sie in dieser Zeit geplagt wurde, oder daran, dass er mit seinen damals 21 Jahren noch sehr jung und sie mit ihren 30 Jahren doch schon viel reifer war – nur sieben Monate nach der Geburt packte sie ihre Sachen und ging.

In den nächsten 3 Jahren hatte er zum ersten Mal keinen Kontakt mehr zu ihr und zu seinem Sohn. Erst mit der Scheidung im Jahre 2002 änderte sich die Situation. Die Mutter erhielt das Sorgerecht und der Vater ein Besuchsrecht zugesprochen, und so sah man sich fortan regelmässig wieder, kam sich wieder näher. Der neuerlichen Verbindung entsprangen nur 2 Jahre später die Zwillingstöchter, auch sie Wunschkinder.

Wollte die Mutter Zeit gewinnen?

Mittlerweile wohnten die beiden auch wieder zusammen, in jenem Haus eben, vor dem es im Sommer 2008 zum letzten unschönen Zusammentreffen kommen sollte. Vorangegangen waren diesem Vorfall erneute Reibereien und eine erneute Trennung, wobei diesmal er derjenige war, der auszog. Drei Monate lang konnte er die Kinder noch unbehelligt besuchen, doch plötzlich blieben seine Telefonanrufe und seine SMS unbeantwortet. Nun schalteten sich die Behörden ein. Sie ordneten ein psychologisches Gutachten an, das die Situation von Eltern und Kindern analysieren und auch Vorschläge für eine dauerhafte Besuchsregelung machen sollte.

Rund ein Jahr lang dauerten die Arbeiten, unter anderem auch deshalb, wie der Vater sagt, weil die Mutter vereinbarte Gesprächstermine immer wieder hinausschob. Im Nachhinein ist für ihn klar, dass sie damit vor allem Zeit gewinnen wollte – wie auch immer, als die Unterlagen im Sommer 2009 fertiggestellt waren, fehlte von der Mutter jede Spur. Sie habe sich, hiess es bei der zuständigen Einwohnerkontrolle, ins Ausland abgemeldet und als Kontakt einzig die Adresse ihrer Eltern hinterlassen.

Die Heimat ihrer Eltern

Für Michel Jacot fing nun eine intensive Zeit der Suche an. Vorerst allerdings biss er überall auf Granit. Als er sich wieder einmal im Internet umsah, stiess er auf eine Seite des Bundesamts für Justiz, las, dass genau für Leute wie ihn das sogenannte Haager Abkommen geschaffen worden sei. Er wandte sich an die zuständige Stelle in Bern – und siehe da: Die Schweizer Behörden spürten Mutter und Kinder wohlbehalten im Südtirol auf. Die Ex-Frau hatte sich in die Heimat ihrer Eltern abgesetzt.

In der Folge kam es zur Gerichtsverhandlung und zum Urteil, das dem Vater das Recht auf seine Kinder zubilligte. Die lokalen Sozialbehörden sollten nun die Details ausarbeiten. Wieder kam es zu Gesprächen, so weit jedenfalls, wie es noch möglich war. Denn plötzlich weigerten sich die Kinder, überhaupt zu reden – gerade der Sohn hatte im Einklang mit der Mutter schon früher behauptet, der Vater sei streng und autoritär.

«Bin sehr verzweifelt»

Während sich die Südtiroler immer noch bemühten, die Sache zu einem guten Ende zu bringen, brach das bislang letzte Kapitel in dieser langen und mühsamen Geschichte an. Ziemlich genau ein halbes Jahr ist es her, dass die Sozialbehörden dem Vater mitteilten, Mutter und Kinder seien unauffindbar. Die Wohnung sei gekündigt, und die Kinder seien vom Unterricht abgemeldet – für Michel Jacot hiess das nichts anderes, als dass die Suche von neuem losging. Bislang ohne Erfolg.

Die ständige Unsicherheit, die Ungewissheit darüber, wie es den Kindern geht, wo sie leben und ob sie ihn wieder sehen können, machen Michel Jacot mittlerweile arg zu schaffen. «Ich bin sehr verzweifelt», sagt er.

 

Quelle: Berner Zeitung